In vielen Schulen stehen gerade wieder Elternsprechtage an. Für manche Familien sind diese Gespräche eine gute Gelegenheit zum Austausch, für andere sind sie mit Unsicherheit oder Anspannung verbunden.
Viele Eltern fragen sich im Vorfeld:
Was erwartet mich in diesem Gespräch? Welche Fragen sollte ich stellen? Und wie kann ich mein Kind gut vertreten, ohne dass sich das Gespräch in eine unangenehme Richtung entwickelt?
Eine gute Vorbereitung kann hier einen großen Unterschied machen.
In meinen Jahren als Gymnasiallehrerin habe ich unzählige Elternsprechtage erlebt – manchmal mit sehr konstruktiven Gesprächen, manchmal auch mit Situationen, in denen beide Seiten das Gefühl hatten, nicht wirklich zueinander gefunden zu haben.
Einmal saß ich mit Eltern am Tisch, deren Sohn Schwierigkeiten hatte am Gymnasium anzukommen und die sich offensichtlich auf einen „Kampf“ eingestellt hatten. Als ich dieses Gefühl benannte, berichteten die Eltern von ihren schwierigen Erfahrungen an der vorherigen Schule und dass sie sich häufig nicht gehört gefühlt hätten. Darauf konnten wir aufbauen und am Ende verband uns eine sehr konstruktive und nachhaltige Zusammenarbeit. Letztes Jahr konnte ich dann genau diesen Eltern bei der Abiturfeier die Hände schütteln. Alles richtig gemacht! Aber beinahe wäre unsere Zusammenarbeit gescheitert, bevor sie begonnen hatte.
Gerade wegen solcher Erfahrungen lohnt es sich, Gespräche mit Lehrkräften nicht einfach auf sich zukommen zu lassen, sondern sich vorher ein paar Gedanken zu machen.
Warum Elternsprechtage manchmal schwierig sind
Elternsprechtage sind besondere Gesprächssituationen. In kurzer Zeit treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander: die Sicht der Lehrkraft, die Erfahrungen der Eltern und natürlich die Bedürfnisse des Kindes.
Hinzu kommt, dass viele Gespräche unter Zeitdruck stattfinden. Lehrkräfte führen an einem Nachmittag oft viele Gespräche hintereinander, während Eltern nur wenige Minuten Zeit haben, um wichtige Themen anzusprechen.
Gerade deshalb hilft es, vorab zu überlegen, welche Punkte wirklich wichtig sind. Wenn man eine wirklich herausfordernde Situation besprechen will, kann man auch darum bitten, unabhängig vom Elternsprechtag eine Sprechstunde aufzusuchen und schriftlich erklären, warum man sich das wünscht. Das kann es leichter machen, einem wichtigen Gespräch den Raum zu geben, den es braucht.
Drei Fragen, die Eltern sich vor dem Gespräch stellen können
Bevor das Gespräch beginnt, kann es hilfreich sein, sich selbst kurz zu fragen:
- Was läuft für mein Kind im Moment gut?
- Wo mache ich mir Sorgen oder habe Fragezeichen?
- Was wünsche ich mir konkret von der Schule?
Diese Fragen helfen dabei, im Gespräch den Überblick zu behalten.
Viele Eltern konzentrieren sich im Gespräch ausschließlich auf Probleme. Dabei ist es oft genauso wertvoll, zuerst über die Stärken eines Kindes zu sprechen.
In meiner ersten eigenen Klasse hatte ich eine Schülerin, auf die man sich immer verlassen konnte. Schon in Klasse 5 konnte sie eigenständig etwas mit der Klasse durchsprechen, in Klasse 8 regelte sie als Klassensprecherin Konflikte im Klassenrat ohne Begleitung einer Lehrkraft und in Klasse 10 wurde sie zur Schülersprecherin gewählt. Als mein Kollege und ich ihren Eltern von ihr vorschwärmten, fielen die aus allen Wolken. Ihre Tochter? Die zu Hause keinen Tag vergehen ließ ohne mit ihrem kleinen Bruder zu streiten und deren Zimmer keinen Boden erkennen ließ vor lauter Chaos? Aus Ungläubigkeit wurde Stolz und die Eltern verließen das Gespräch mit einem guten Gefühl, obwohl es notentechnisch nicht immer rosig ausgesehen hatte. (Ihre Tochter studiert heute übrigens Medizin).
Fünf hilfreiche Fragen für das Gespräch mit der Lehrkraft
Manchmal fällt es schwer, im Gespräch spontan die richtigen Fragen zu stellen. Diese Fragen können helfen, das Gespräch zu strukturieren:
- Wie erlebt mein Kind den Unterricht aus Ihrer Perspektive?
- In welchen Situationen arbeitet mein Kind besonders konzentriert?
- Welche Stärken meines Kindes fallen Ihnen besonders auf?
- Wo sehen Sie aktuell Entwicklungsbedarf?
- Was könnten wir als Eltern zu Hause unterstützend tun?
Solche offenen Fragen ermöglichen oft ein konstruktives Gespräch und helfen dabei, konkrete Beispiele zu bekommen. Sie zeigen einer Lehrkraft auch, dass Sie Ihr Urteil wertschätzen und schaffen eine gute Basis für eine hilfreiche Zusammenarbeit.
Wenn das Gespräch schwierig wird
Manchmal verlaufen Elternsprechtage nicht so, wie man es sich erhofft. Unterschiedliche Erwartungen, Zeitdruck oder Missverständnisse können dazu führen, dass Gespräche angespannt werden.
In solchen Momenten hilft es oft, kurz innezuhalten und noch einmal nachzufragen:
„Können Sie mir ein konkretes Beispiel dafür geben?“
„Wie könnte aus Ihrer Sicht ein nächster Schritt aussehen?“
Konkrete Situationen zu besprechen führt häufig zu mehr Klarheit als allgemeine Bewertungen. Statt eine Frage zu stellen, kann man auch die Aussage einer Lehrkraft paraphrasieren, um dieser Zeit zu geben, das Gesagte noch einmal zu reflektieren:
„Sie denken also, meine Tochter…“
„Aus Ihrer Sicht ist es also so, dass…“
Es ist wichtig, immer das Ziel eines solchen Gespräches im Blick zu behalten: Dass die Erwachsenen im Leben unserer Kinder möglichst produktiv zusammenarbeiten, um das Bestmögliche für das Kind zu erreichen. Man muss einander nicht mögen, aber man kann offen bleiben und klar kommunizieren.
Nach dem Elternsprechtag
Nach dem Gespräch lohnt es sich, noch einmal in Ruhe zu reflektieren:
- Welche Informationen habe ich bekommen?
- Was hat mich überrascht?
- Welche nächsten Schritte ergeben sich daraus?
Manchmal reichen kleine Anpassungen im Alltag. In anderen Situationen kann es sinnvoll sein, sich intensiver mit bestimmten Fragen auseinanderzusetzen.
Sollten Sie mit einer Lehrkraft eine Vereinbarung getroffen haben, ist es sinnvoll, nach 14 Tagen noch einmal nachzuhören. Lehrkräfte gehen meistens mit einer langen To-Do-Liste aus so einem Tag und einzelnes droht im Alltag unterzugehen.
Wenn Gespräche mit der Schule schwierig bleiben
Manchmal bleiben nach einem Elternsprechtag mehr Fragen als Antworten zurück. Vielleicht hat man das Gefühl, dass das eigene Kind nicht richtig gesehen wird oder dass unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Vielleicht ist das Gespräch auch trotz aller guten Vorsätze nicht gut verlaufen.
Auch ich selbst habe Gespräche schon häufig nicht aus der Lehrerinnenperspektive, sondern aus der Sicht einer Mutter erlebt und bin frustriert von Elternsprechtagen nach Hause gekommen. Gute Vorbereitung ist hilfreich, wenn aber das Gegenüber z.B. unerfahren in speziellen Themen wie Hochbegabung, AD(H)S, LRS und Co ist oder z.B. bestimmte Lehr- oder Lernmethoden kategorisch ablehnt, fühlt man sich schnell hilflos.
In solchen Situationen kann es helfen, das Gespräch noch einmal in Ruhe zu sortieren und sich auf weitere Gespräche gezielt vorzubereiten.
Es gibt noch viele weitere Fragen rund um das Thema Elternsprechtag:
- Sollten wir nur zur Klassenleitung gehen oder auch Fachlehrkräfte aufsuchen?
- Ich habe keinen Termin erhalten, aber ich habe dringenden Gesprächsbedarf. Was nun?
- Sollte ich mein Kind mitbringen oder alleine gehen?
- Ich lebe vom anderen Elternteil getrennt, wie sollten wir mit Sprechtagen umgehen?
- …
Schreiben Sie mir gerne Ihre Fragen in die Kommentare!
