
Kennst du diese kleinen Bild- oder To-do-Listen für Kinder? Die links habe ich selbst für meine damals anderthalbjährige Tochter gebastelt, um die „Nein, Mama!!!“ – Problematik in den Griff zu bekommen
Schon morgens haben wir gemeinsam eingekreist: Heute ist Papa- oder Mamatag. Abends haben wir dann gemeinsam abgehakt: Erst waschen, dann den Schlafanzug anziehen, dann Zähne putzen, dann Lesen und dann ins Bett.
Vorher hatte ich selbst kaum daran geglaubt, aber die Wirkung war enorm. Schon nach zwei Wochen lag die Liste unbeachtet neben dem Wickeltisch, weil die Routine für unsere Tochter so selbstverständlich geworden war.
Und doch habe ich noch Jahre gebraucht, um diese Logik auf mich zu übertragen, denn ich bin immer noch jeden Morgen wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Haus gelaufen – mit hundert offenen Tabs im Kopf!
Der Moment, in dem der Tag uns schon überholt hat
Geht dir das auch so? Der Wecker klingelt – und noch bevor du richtig wach bist, beginnt es:
Was ziehe ich an?
Was brauchen die Kinder heute?
Haben wir genug Brot da?
Wer hat heute Sport?
Ist das Geschenk für den Kindergeburtstag fertig?
Muss ich noch eine Mail beantworten?
Und irgendwo dazwischen: Zähne putzen. Kalten Kaffee dann doch einfach stehen lassen. Funktionieren. Handy nicht vergessen.
Wenn ich alle Kinder verteilt habe und auf dem Weg zur Arbeit bin, fühlt es sich schon an als bräuchte ich Feierabend. Es kann doch nicht sein, dass es nicht mal 8 Uhr ist?!
Das Problem heißt Entscheidungsmüdigkeit
Aber was steckt dahinter? Sind wir einfach nicht organisiert genug oder sind unsere Kinder das Problem oder müssen wir noch früher aufstehen? Nein, die Ursache für diese Erfahrung nennt sich Entscheidungsmüdigkeit.
Unser Gehirn trifft jeden Tag unzählige kleine Entscheidungen. Und jede einzelne kostet Energie. Bei unseren Kindern wissen wir das. Spätestens nach dem Kindergarten- oder Schultag kommt irgendwann bei einer ganz banalen Frage ein Zusammenbruch. Für unsere Kinder bringen wir dann im besten Fall Verständnis auf, aber nicht für uns selbst. „Dann muss ich eben noch disziplinierter sein! Andere schaffen das doch auch!“
Aber mehr Disziplin oder früheres Aufstehen wird uns nicht helfen. Denn das wahre Problem sind die vielen, kleinen Mikroentscheidungen, die wir schon im Aufwachen treffen:
- Was ziehe ich an?
- Muss ich meine Haare doch waschen?
- Wecke ich die Kinder gleich oder später?
- Was mache ich jetzt zuerst?
- Reicht die Zeit noch?
- Was kommt in die Brotdosen?
Diese mentale Gymnastik, während man nebenher schon dieses und jenes halb begonnen hat, ist maximal erschöpfend und kräftezehrend. Und wenn wir dann endlich auf der Arbeit ankommen, ist unser mentaler Akku oft schon halb leer.
Die unterschätzte Lösung: Checklisten für Erwachsene
Was passiert, wenn du das, was du für dein Kind tust, einmal für dich selbst machst?
Eine ganz einfache Liste.
Keine Raketenwissenschaft.
Zum Beispiel für den Morgen:
- Ich mache mich selbst fertig
- Ich wecke die Kinder
- Ich mache Brotdosen
- Ich frühstücke (ja, wirklich!)
- Letzter Check: Taschen, Termine, Stimmung
Oder für den Abend:
- Kleidung rauslegen (für mich und ggf. Kinder)
- Brotdosen vorbereiten
- Schulranzen checken
- Termine für morgen anschauen
- Küche einmal resetten
Warum das so viel verändert
Eine Checkliste nimmt dir nicht die Aufgaben ab.
Aber sie nimmt dir die Entscheidungen ab.
Du musst nicht mehr überlegen: „Was mache ich jetzt als nächstes?“
Du folgst einfach deinem Plan und plötzlich passiert etwas Spannendes:
- Dein Kopf wird ruhiger
- Du wirst klarer in deinem Handeln
- Du reagierst weniger gereizt
- Du hast mehr Energie für das, was wirklich wichtig ist
Warum wir uns morgens nämlich so oft verzetteln und uns so leer fühlen, wenn dann endlich Ruhe einkehrt, ist die Gleichzeitigkeit all dieser einzelnen Entscheidungen und Handlungen. Und zusätzlich zu dem, was tatsächlich getan werden muss, drängen sich auch noch die Aufgaben auf, die um uns herum sowieso existieren:
Du bist dabei, die Brotdosen fertig zu machen, als dir auffällt, dass für abends kein Brot mehr da sein wird. Diese Erkenntnis lebt jetzt auch noch in deinem Kopf. Oder du notierst das Brot sofort auf der Einkaufsliste, wobei dir auffällt, dass da noch Dinge drauf stehen, die du eigentlich heute Abend schon brauchst, weil ja für morgen die Gemüsesticks für das gemeinsame Frühstück mit in den Kindergarten müssen. Gab es nicht in der Grundschule demnächst auch ein gemeinsames Frühstück? Du checkst den Kalender und dir fällt auf, dass du ja selbst später einen Arzttermin hast. Aber du hast ganz vergessen, das noch einmal mit der Oma abzustimmen, die ja aufpassen kommen sollte.
Und während das alles in deinem Kopf läuft, hast du nebenbei schnell die Spülmaschine geleert, und jetzt wird die Zeit knapp. Das liegt nicht daran, dass du unstrukturiert bist, sondern daran, dass unser Gehirn für all diese gleichzeitig ablaufenden Gedankenprozesse nicht gemacht ist!
Aber: Das muss nicht so bleiben. Eine Liste mag lächerlich simpel erscheinen, aber sie kann diesen mentalen Lärm tatsächlich reduzieren. Und sie hat auch noch weitere interessante Nebeneffekte.
Der unerwartete Nebeneffekt: Sichtbarkeit
Wenn man sich die Mühe macht, einmal den Ablauf eines Morgens tatsächlich aufzuschreiben und schwarz auf weiß zu sehen, was man eigentlich alles macht, werden auch die Stellen sichtbar, an denen du Verantwortung trägst, die gar nicht deine sein müsste.
Es öffnet sich Raum für Veränderung, wenn du dich fragst:
- Was davon muss wirklich ich tun?
- Was kann mein Kind schon selbst?
- Was kann mein Partner übernehmen?
- Was sollte ich von der Liste streichen?
Eine Checkliste macht nicht nur sichtbar, was du tust, sondern auch, was du nicht mehr tun musst. Man kann auch die sauberen Brotdosen aus der Spülmaschine holen, OHNE den Rest mit auszuräumen. Man darf damit leben, dass die Outfits der Kinder kunterbunt und die Haare nur halb gekämmt sind, wenn das heißt, dass man selbst tatsächlich einen warmen Kaffee trinken kann – und die Kinder dann stolz präsentieren, was sie sich heute ausgesucht haben.
Wie gesagt, es wirkt schon fast lächerlich, Dinge wie „Duschen“ und „Handy, Schlüssel, Portemonnaie checken“ für sich selbst auf einer Liste abzuhaken, aber es ist ein echter Game-Changer.
Mini-Start für heute
Wenn du magst, probiere es heute Abend aus: Nimm dir fünf Minuten Zeit und schreibe einen typischen morgendlichen Ablauf als Liste auf. Ganz simpel und ohne Perfektion.
Vielleicht fällt dir dabei sofort auf, welche Elemente eigentlich gar keinen Sinn machen oder welche Reihenfolge logischer wäre.
Und morgen früh: Denke weniger nach und folge einfach deiner Liste. Schritt für Schritt. Wenn das Chaos im Kopf zurückkommt, einmal Atmen und die Liste checken. Beobachte, was sich verändert!
