Wie vorschnelle Reaktionen zu Streit im Familienalltag beitragen und für Frust und Unverständnis sorgen
Zwischen einem Reiz und einer Reaktion, oder zwischen einer Frage und einer Antwort, liegt oft … gar nichts. Dabei ist genau dort Potenzial für einen kleinen Moment, der uns und unseren Kindern mehr Klarheit und mehr Halt in Beziehung und Kommunikation geben kann.
Jeder kennt diese Situationen, in denen man schon gesprochen hat, bevor sich überhaupt ein klarer Gedanke formen konnte. Der Mund ist schneller als der Kopf.
„Darf ich …?“
„Nein.“
Dein Kind schaut dich enttäuscht an und du merkst sofort: Das wollte ich eigentlich gar nicht. Oder doch? Warum genau habe ich jetzt nein gesagt?
Im Familienalltag sind wir tagtäglich so vielen Anforderungen ausgesetzt, dass wir oft im Autopilot unterwegs sind. Im Sekundentakt treffen wir Entscheidungen. (Wenn dich interessiert, wie du dein Gehirn davon etwas entlasten kannst, lies gern auch meinen letzten Blogeintrag.) Wir reagieren schnell, weil es schnell gehen muss. Meistens sind wir müde, unter Strom und in Gedanken schon beim nächsten Termin. Irgendwelche Besonderheiten sind zu beachten. „Ab heute müssen die Kinder bitte wieder eingecremt in die Kita kommen.“ „Wegen des Waldtags der vierten Klassen geben Sie bitte nur einen Rucksack mit Frühstück mit.“ Routinen geraten durcheinander und oft sind wir selbst morgens noch gar nicht richtig im Tag angekommen.
Aus dieser Grundhaltung heraus reagieren wir häufig einfach. Nicht, weil wir schlechte Eltern sind, sondern weil wir uns das Innehalten gar nicht erlauben. Das Problem ist: Eine Reaktion mag schnell sein, aber sie ist selten wirklich überlegt. Sie wird bestimmt von unserer Laune, von äußeren Umständen wie Stress oder Zeitdruck und von eigenen, oft unbewussten Prägungen. Was sie meist nicht ist, ist eine bewusste Wahl, die unsere Haltung widerspiegelt.
Der Unterschied zwischen einer schnellen Reaktion und einer bewussten Antwort muss von außen gar nicht riesig wirken. Aber das, was dahintersteckt, kann die Beziehung zu unseren Kindern und auch unsere Selbstwahrnehmung als Mutter oder Vater enorm verändern.
Schauen wir uns ein Beispiel an.
Sara fragt ihren Vater Gabriel:
„Darf ich heute Nachmittag zu meiner Freundin?“
Gabriel reagiert sofort:
„Nein.“
Sara schaut ihn enttäuscht an und fragt:
„Aber warum denn nicht? Meine Hausaufgaben sind fertig und wir wollten so gern zusammen spielen.“
Gabriel fragt sich plötzlich selbst, warum er nein gesagt hat. Wenn er ehrlich ist, hat er Sara nur mit einem Ohr zugehört. Gedanklich war er noch bei der Arbeit, weil er eigentlich gerade im Homeoffice ist und seine Mittagspause sich sowieso schon viel zu lang anfühlt. Er hat gar nicht richtig mitbekommen, dass Sara ihre Hausaufgaben bereits erledigt hat. Er hat aber auch nicht nachgefragt. Irgendwo in ihm war nur dieses diffuse Gefühl, dass der Nachmittag noch voll und anstrengend wird. Dabei wäre es vielleicht sogar entlastend, wenn Sara zu ihrer Freundin ginge.
Aber jetzt hat er eben schon nein gesagt.
Und damit bleiben Gabriel gefühlt nur noch zwei Möglichkeiten: Er zieht sein Nein zurück und vermittelt seiner Tochter damit indirekt, dass sein erstes Wort offenbar nicht unbedingt sein letztes ist und dass es sich lohnt, lange genug zu diskutieren. Oder er bleibt bei seinem Nein, obwohl es eigentlich gar nicht gut begründet war. Obwohl er im Nachhinein lieber ja gesagt hätte.
Und jetzt stellen wir uns vor, Gabriel hätte sich zwischen Frage und Antwort einen kleinen Moment Zeit genommen.
Sara:
„Darf ich heute Nachmittag zu meiner Freundin?“
Gabriel:
„Was genau möchtest du denn?“
Sara:
„Ich wollte wissen, ob ich zu meiner Freundin darf. Meine Hausaufgaben sind fertig und wir wollten zusammen spielen.“
Gabriel:
„Das klingt nach einer schönen Idee. Mein Nachmittag ist aber noch ziemlich voll mit Arbeit. Wie kommst du denn hin und zurück?“
Sara:
„Ich laufe. Sie wohnt doch nur eine Straße weiter.“
Gabriel:
„Gut, dann darfst du. Ich möchte aber, dass du vorher höflich fragst, ob es für ihre Eltern auch in Ordnung ist. Und um sieben bist du bitte wieder zu Hause, damit wir gemeinsam Abend essen.“
Sara:
„Na klar. Danke, Papa!“
Was ist hier passiert? Eine ganze Menge und zwar viel Gutes.
Gabriel hat nicht vorschnell reagiert, sondern erst einmal eine Rückfrage gestellt. Dadurch hat er wichtige Informationen bekommen. Danach konnte er seine eigenen Grenzen klar benennen. Sara muss den Nachmittag selbst organisieren, Rücksicht auf die Eltern ihrer Freundin nehmen und zu einer bestimmten Uhrzeit wieder zu Hause sein. Gleichzeitig hat er ihr signalisiert: Ich höre dir zu. Ich nehme dein Anliegen ernst.
So fühlt Sara sich gesehen. Sie darf ihren Nachmittag selbstständig gestalten. Und Gabriel gewinnt am Ende sogar mehr Ruhe für seine Arbeit.
Übrigens hätte die Antwort unter anderen Umständen genauso gut nein lauten dürfen. Darum geht es gar nicht. Der Unterschied liegt nicht im Ja oder Nein. Der Unterschied liegt darin, ob wir vorschnell reagieren oder bewusst antworten.
Meine kleine Challenge für euch: Wenn ihr euch das nächste Mal rechtzeitig erwischt, bevor ihr vorschnell reagiert, nehmt euch diesen einen Moment Pause. Es ist völlig in Ordnung zu sagen, dass ihr kurz überlegen möchtet. Oder dass ihr euch erst mit dem anderen Elternteil besprechen wollt. Die wenigsten Fragen brauchen tatsächlich eine sofortige Entscheidung.
Und diese kleine investierte Zeit macht sich oft schnell bezahlt. Unser Gegenüber fühlt sich gesehen. Wir müssen keine Entscheidungen verteidigen, die wir so eigentlich nie treffen wollten. Und unsere Gespräche fühlen sich weniger nach Machtkampf an.
Es geht nicht darum, immer ja zu sagen oder immer die perfekte Antwort parat zu haben. Es geht um den Moment dazwischen. Den Moment, in dem du dich fragst: Was ist mir hier gerade wichtig? Habe ich überhaupt alle nötigen Informationen? Woher kommt mein Impuls, sofort ja oder nein zu sagen?
Was Beziehungen zu unseren Kindern belastet, ist nicht, dass wir Dinge verneinen oder verbieten. Belastend wird es dann, wenn wir nicht bewusst handeln und dadurch keine verlässlichen Ansprechpartner sind. Wenn wir Entscheidungen treffen, die wir im nächsten Moment selbst kaum erklären können.
Also traut euch beim nächsten Mal, kurz innezuhalten. Es lohnt sich!
